Tee gehört in Deutschland zum Alltag. Er steht im Supermarktregal, im Büro, im Küchenschrank, scheinbar selbstverständlich und unspektakulär. Genau dieser Eindruck führt jedoch häufig dazu, dass der Teemarkt in Deutschland unterschätzt wird. Was von außen wie ein überschaubarer, gesättigter Konsummarkt wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als komplexes Geflecht aus etablierten Marken, starken Handelsstrukturen, regulatorischen Anforderungen und einer stark fragmentierten Nachfrage.
Dieser Beitrag ordnet den deutschen Teemarkt sachlich ein: Welche Marktstrukturen existieren, wer den Markt prägt, wie Konsum und Handel verteilt sind – und wo Chancen, aber auch klare Grenzen liegen. Die Perspektive ist bewusst analytisch und einordnend. Ziel ist nicht Verkauf, sondern Orientierung, ergänzt um praktische Beobachtungen aus der Gründerpraxis.
Warum der Teemarkt von außen einfacher wirkt, als er ist
Öffentliche Wahrnehmung vs. Realität
Auf den ersten Blick scheint der Einstieg in den Teemarkt vergleichsweise niedrigschwellig. Tee benötigt keine eigene Rösterei, keine aufwendige Produktion vor Ort und keine energieintensive Verarbeitung wie etwa Kaffee oder Bier. Für Außenstehende wirkt es oft so, als müsse man „nur“ Tee importieren, verpacken und verkaufen.
In der Realität ist der Markt jedoch stark konzentriert. Große Hersteller dominieren Einkauf, Logistik und Regalflächen, während neue Anbieter schnell feststellen, dass Marktzugang weniger eine Frage des Produkts als der Distribution ist. Wer keinen Zugang zu Handelspartnern, Großhändlern oder skalierbaren Vertriebswegen hat, bleibt häufig auf Nischen beschränkt, unabhängig von Produktqualität.
Vergleich mit anderen Genussmärkten
Im Vergleich zu Märkten wie Specialty Coffee oder Craft Beer fehlt Tee in der öffentlichen Wahrnehmung häufig das Innovations-Narrativ. Während kleine Kaffeeröstereien oder Mikrobrauereien klar als „Manufaktur“ positioniert werden können, wird Tee oft als austauschbares Basisprodukt wahrgenommen. Das führt dazu, dass Gründerinnen und Gründer die Marktdynamik unterschätzen, insbesondere die geringe Aufmerksamkeitsspanne der Konsumenten und die starke Preissensibilität im Massenmarkt.
Versteckte Einstiegshürden im Teemarkt in Deutschland
Neben der Marktstruktur spielen regulatorische und operative Faktoren eine große Rolle. Importprozesse, Rückstandsanalysen, Lebensmitteldeklaration, Kennzeichnungspflichten und Qualitätssicherung erfordern Fachwissen und laufende Kosten. Hinzu kommt die Komplexität der Skalierung: Was im kleinen Rahmen funktioniert, stößt schnell an Grenzen, sobald größere Mengen, konstante Qualität und verlässliche Lieferketten notwendig werden. Der vermeintlich einfache Einstieg wird spätestens beim Wachstum anspruchsvoll.
Der Teemarkt in Deutschland – grobe Größenordnung
Marktvolumen & Konsum
Deutschland zählt zu den größten Teemärkten Europas. Der Pro-Kopf-Verbrauch lag 2023 bei rund 68 Litern Tee pro Jahr, was nahezu 47 Milliarden Tassen entspricht. Trotz leicht schwankender Mengen blieb der Konsum auf hohem Niveau und liegt deutlich über den Vor-Corona-Jahren. Preissteigerungen führten dazu, dass der Einzelhandelsumsatz mit Tee auf rund 0,95 Milliarden Euro anwuchs, mit der realistischen Perspektive, mittelfristig die Milliardenmarke zu überschreiten.
Diese Zahlen verdeutlichen: Tee ist kein Nischenprodukt, sondern ein stabiler, breit verankerter Konsummarkt mit hoher Wiederkaufsrate.
Schwarztee, Grüntee, Kräuter- & Früchtetee
Der deutsche Teemarkt teilt sich klar in zwei Segmente. Rund 60 % des Konsums entfallen auf Kräuter- und Früchtetees, also Aufgüsse ohne Teepflanze. Klassischer Schwarztee erreicht etwa 23 % Marktanteil, während Grüntee mit rund 9 % eine kleinere, aber wachsende Rolle spielt. Reine Kräutertees wie Pfefferminze oder Kamille ergänzen das Bild.
Diese Verteilung ist zentral für das Marktverständnis: Der Großteil des Absatzes entfällt nicht auf traditionellen Tee im engeren Sinne, sondern auf funktionale oder geschmacksorientierte Aufgüsse. Für Anbieter bedeutet das, dass Produktentwicklung und Positionierung stark von Konsumgewohnheiten geprägt werden, nicht von Teekultur allein.
B2C vs. B2B
Der überwiegende Teil des Teeumsatzes entsteht im B2C-Geschäft, vor allem über Supermärkte, Drogerien und Discounter. Parallel existiert ein relevanter, aber deutlich kleinerer B2B-Markt, etwa für Gastronomie, Hotellerie, Büros oder Fachgeschäfte. Viele dieser Akteure werden über spezialisierte Großhändler beliefert, die im Hintergrund eine zentrale Rolle spielen.
Während Endkundentrends wie Bio-Qualität, Vielfalt oder Herkunft auch im B2B an Bedeutung gewinnen, bleibt der klassische Einzelhandel der dominante Absatzkanal. Wer den Teemarkt verstehen will, muss daher primär die Logik des Lebensmitteleinzelhandels berücksichtigen.
Die großen Player – Marken, die den Markt prägen
Industriemarken dominieren
Der deutsche Teemarkt ist stark konzentriert. Marktführer ist Teekanne mit rund 32 % Marktanteil, gefolgt von der Laurens Spethmann Holding (u. a. Meßmer, Milford) mit etwa 25 %. Zusammen kontrollieren diese Konzerne mehr als die Hälfte des Marktes. Weitere relevante Akteure sind die Ostfriesische Tee Gesellschaft, Ronnefeldt sowie Fachhandelsketten wie TeeGschwendner.
Diese Marktstruktur schafft hohe Eintrittsbarrieren, insbesondere im Lebensmitteleinzelhandel, wo Regalflächen begrenzt und hart umkämpft sind.
Handelsmarken & Private Label
Ein erheblicher Teil des Teeabsatzes läuft über Handelsmarken. Supermärkte und Discounter lassen ihre Eigenmarken häufig von denselben großen Herstellern produzieren, die auch Markenprodukte vertreiben. Lange Zeit dominierten günstige Eigenmarken insbesondere im Discount-Segment. In jüngerer Zeit zeigt sich jedoch eine Verschiebung: Steigende Preise haben den Abstand zu Markenprodukten verringert, wodurch Verbraucher wieder häufiger zu bekannten Marken greifen.
Größe vs. Qualität
Hohe Marktanteile bedeuten vor allem Effizienz, Einkaufsmacht und Konsistenz. Industriemarken optimieren auf gleichbleibenden Geschmack, Verfügbarkeit und Preisstabilität. Spitzenqualitäten im Sinne handwerklicher oder herkunftsbetonter Tees finden sich dagegen meist bei spezialisierten Importeuren oder Fachhändlern. „Qualität“ ist im Teemarkt kein einheitlicher Begriff, sondern abhängig von Zielgruppe, Anwendung und Erwartung. Der Massenmarkt und der Spezialitätenmarkt folgen unterschiedlichen Logiken und existieren parallel.
Kleine Marken & Startups – Chancen und harte Realität
Einstiegsmotive und Euphorie
Viele Gründerinnen und Gründer starten eine eigene Teemarke aus echter Begeisterung für das Produkt. Häufig entsteht die Idee aus dem Gefühl heraus, dass bestimmte Angebote im Markt fehlen, etwa besondere Geschmacksrichtungen, nachhaltigere Verpackungen oder ein höherer Qualitätsanspruch. Der Einstieg wirkt auf den ersten Blick unkompliziert. Tee lässt sich einkaufen, mischen, verpacken und über einen eigenen Onlineshop verkaufen. Diese scheinbar niedrige Einstiegshürde führt schnell zu einer gewissen Anfangseuphorie. Der Gedanke „Tee trinken doch alle“ verleitet jedes Jahr zahlreiche Neueinsteiger dazu, den Markt zu betreten.
Hohe Austauschbarkeit von Produkten
Die Ernüchterung folgt meist früh. Tee ist in weiten Teilen ein stark standardisiertes Produkt. Ein Earl Grey bleibt für viele Konsumenten ein Earl Grey, Pfefferminztee bleibt Pfefferminztee. Unterschiede sind für Endkunden oft nur schwer sensorisch erfassbar und werden vor allem über Marke, Design und Story wahrgenommen. Ohne eine klar erkennbare Besonderheit fällt es neuen Marken schwer, einen überzeugenden Grund für den Wechsel zu liefern. Warum sollte ein Kunde seinen gewohnten Tee gegen ein neues Produkt austauschen, wenn er mit seiner bisherigen Wahl zufrieden ist. Diese Austauschbarkeit erschwert den Aufbau von Markenbindung erheblich und erhöht den Marketingaufwand deutlich.
Margen- und Skalierungsprobleme
Tee ist im Verhältnis zu vielen anderen Genussmitteln preisgünstig. Etablierte Hersteller arbeiten mit sehr großen Mengen und erzielen dadurch niedrige Stückkosten. Kleine Marken kaufen hingegen kleinere Volumina ein, oft über Zwischenhändler, und zahlen höhere Preise für Rohware, Verpackung und Logistik. Entsprechend eng ist die Marge pro Verkaufseinheit. Wer preislich konkurrenzfähig bleiben will, stößt schnell an wirtschaftliche Grenzen. Um vom Teeverkauf leben zu können, bleiben meist nur zwei Wege: eine klare Premiumpositionierung mit höheren Preisen oder hohe Absatzmengen. Beide Optionen sind anspruchsvoll. Premium spricht nur einen begrenzten Markt an, hohe Stückzahlen sind ohne signifikantes Marketingbudget kaum erreichbar. Diese Skalierungsproblematik führt dazu, dass viele junge Teemarken wirtschaftlich unter Druck geraten, lange bevor sie relevante Marktanteile erzielen.
Harte Realität: Viele scheitern früh
Die Kombination aus intensivem Wettbewerb, geringer Differenzierung und hohem Kostendruck sorgt dafür, dass zahlreiche Teestartups nach kurzer Zeit wieder vom Markt verschwinden. Auf Messen, in Onlineshops oder auf Social Media tauchen regelmäßig neue Labels auf, von denen viele nach ein bis zwei Jahren nicht mehr aktiv sind. Die Ursachen reichen von unterschätztem Marketingaufwand über operative Schwierigkeiten bis hin zu schlicht fehlender Nachfrage. Brancheninsider bringen es oft nüchtern auf den Punkt: Der Teemarkt ist preissensibel, stark umkämpft und kein Markt, in dem Konsumenten aktiv auf neue Anbieter warten. Wer neu startet, muss überzeugende Gründe liefern, um Aufmerksamkeit und Vertrauen zu gewinnen.
Fachhandel und Onlinevertrieb – zwei unterschiedliche Welten
Stationärer Fachhandel
Im klassischen Teefachhandel gelten andere Regeln als im Massenmarkt. Teeläden, Feinkostgeschäfte oder spezialisierte Filialketten beziehen ihre Ware häufig über Großhändler oder führen eigene Hausmischungen. Neue Marken müssen zunächst überzeugen, überhaupt gelistet zu werden. Fachhändler achten nicht nur auf Qualität, sondern auch auf Verlässlichkeit. Kann konstant geliefert werden. Passt das Sortiment zum Profil des Ladens. Wie reagieren Stammkunden. Verpackungsdesign allein reicht hier nicht aus. Entscheidend sind Produktqualität, Vertrauen und persönliche Beziehung. Für kleine Marken bedeutet das oft, Muster zu versenden, Beratung anzubieten und teilweise mit Kommission oder Rücknahmeoptionen zu arbeiten, um erste Listungen zu erhalten.
Online-Direktvertrieb
Der direkte Onlineverkauf an Endkunden wirkt zunächst einfacher. Ein eigener Webshop ist schnell eingerichtet, Marktplätze bieten zusätzliche Reichweite. Gleichzeitig ist der Wettbewerb hier besonders intensiv. Unzählige Teeshops, große Marken, Amazon-Händler und andere Startups konkurrieren um Sichtbarkeit. Kunden müssen den Shop erst finden, wodurch Suchmaschinenoptimierung, Content und Online-Marketing zu zentralen Erfolgsfaktoren werden. Gleichzeitig fehlt unbekannten Marken oft das Vertrauen, das etablierte Namen mitbringen. Ohne Reichweite, Bewertungen oder Empfehlungen ist es schwer, Kaufentscheidungen auszulösen.
Unterschiedliche Kundenerwartungen
Kunden im stationären Handel erwarten häufig Beratung, sensorische Eindrücke und persönliche Empfehlungen. Sie sind bereit, für das Einkaufserlebnis und die sofortige Verfügbarkeit etwas mehr zu bezahlen. Onlinekunden hingegen vergleichen stärker Preise, lesen Bewertungen und erwarten eine reibungslose Lieferung. Die Rolle der Verpackung unterscheidet sich ebenfalls. Im Laden muss sie Aufmerksamkeit erzeugen und informieren, online zählen vor allem Produktbilder, Texte und Glaubwürdigkeit. Versand, Paketmaße und Versandkosten werden zu weiteren relevanten Faktoren. Für kleine Marken ist es anspruchsvoll, beide Welten gleichzeitig erfolgreich zu bedienen.
Preis- und Sortimentskonflikte
Ein häufiges Spannungsfeld entsteht bei der Preisgestaltung. Händler kalkulieren ihre Margen und reagieren sensibel darauf, wenn Hersteller ihre Produkte online dauerhaft günstiger anbieten. Ein Tee, der im eigenen Webshop regelmäßig rabattiert wird, wirkt im Laden schnell überteuert. Viele kleine Marken entscheiden sich daher bewusst für einen Fokus, entweder online oder stationär. Hybridmodelle sind möglich, erfordern jedoch eine sehr klare Preis- und Kommunikationsstrategie, um Konflikte mit Handelspartnern zu vermeiden.
Großhandel, Direktvertrieb und Private Label – wer verdient woran
Klassische Großhandelsstrukturen
Ein großer Teil des Teehandels in Deutschland läuft über Zwischenstufen. Rohtee wird in großen Mengen importiert, veredelt, geblendet und anschließend an Einzelhändler oder Gastronomen verkauft. Jeder Schritt in dieser Kette kalkuliert eine Marge. Für kleine Marken bedeutet das, dass der eigene Abgabepreis ausreichend Spielraum lassen muss, damit alle Beteiligten verdienen. Das erhöht den Endpreis und reduziert die eigene Marge. Ohne sehr günstige Einkaufspreise oder eine starke Premiumpositionierung bleibt der wirtschaftliche Spielraum oft gering.
Direktvertrieb an Handel
Um Zwischenhändler zu umgehen, versuchen viele junge Marken direkt an Fachgeschäfte oder kleinere Ketten zu verkaufen. Zwar verbessert das rechnerisch die Marge pro Einheit, gleichzeitig steigt der Aufwand erheblich. Einzelgespräche, kleine Bestellmengen, individuelle Logistik und Betreuung kosten Zeit und Geld. Zudem erwarten Händler auch im Direktbezug attraktive Konditionen. Der Vorteil gegenüber dem Großhandel relativiert sich häufig, wenn man den operativen Aufwand realistisch einrechnet.
Private Label als Geschäftsmodell
Ein weiterer Bereich ist die Auftragsproduktion für Handelsmarken oder andere Unternehmen. Hier stehen weniger die eigene Marke, sondern Volumen und Effizienz im Vordergrund. Die Margen pro Einheit sind meist niedrig, dafür sind die Abnahmemengen hoch. Wer als Produzent für Private Label arbeitet, gibt Kontrolle über Marke, Preis und Kommunikation ab und agiert primär als Zulieferer. Für große Hersteller ist dieses Modell attraktiv, um Produktionskapazitäten auszulasten. Für kleinere Anbieter kann es Umsatz bringen, geht jedoch mit Abhängigkeiten und geringer Differenzierung einher.
Abhängigkeiten und Machtverhältnisse
Der B2B-Teemarkt ist von klaren Machtstrukturen geprägt. Kleine Marken sind oft abhängig von Rohstofflieferanten, Importeuren oder Lohnabfüllern, da sie keine eigene Produktion besitzen. Preisänderungen oder Lieferengpässe können die Kalkulation schnell ins Wanken bringen. Auf der Absatzseite bestimmen Händler mit Marktzugang häufig die Bedingungen, etwa Zahlungsziele, Listungsanforderungen oder Exklusivitätswünsche. Transparenz ist begrenzt, sowohl für Verbraucher als auch für neue Marktteilnehmer. Die stärkste Position haben jene Akteure, die Zugang zum Handel und stabile Lieferketten kontrollieren. Für Newcomer bedeutet das, entweder den Umgang mit diesen Gatekeepern zu lernen oder bewusst Nischen zu wählen, in denen unabhängiges Agieren möglich ist.
Was Händler heute wirklich suchen
Sortimentslogik statt Bauchgefühl
Wer mit einer Teemarke in den Handel will, sollte zuerst verstehen, wie Händler denken. Sortimente werden selten nach Bauchgefühl gebaut, sondern nach klaren Kriterien. Typisch sind unterschiedliche Preisstufen, eine günstige Einstiegslinie, eine Bio- oder Premiumlinie, dazu die wichtigsten Geschmacksrichtungen und sichere Bestseller. Pfefferminze, Kamille und klassische Früchtemischungen gehören in vielen Läden zur Grundausstattung. Auch Schwarztee-Klassiker und bekannte Marken sorgen für Verlässlichkeit im Abverkauf.
Eine neue Marke muss in diese Sortimentslogik hineinpassen. Einfach nur „noch ein Earl Grey“ überzeugt keinen Einkauf, es sei denn, er verbessert mit diesem Produkt etwas im Regal. Das kann ein glaubwürdiges Bio- und Fairtrade-Angebot sein, eine regionale Marke mit lokalem Bezug oder eine echte Lücke im bestehenden Sortiment. Händler suchen selten Duplikate, sie suchen Ergänzungen, die entweder Umsatz bringen oder das Profil des Ladens sinnvoll abrunden.
Verlässlichkeit und Nachbestellbarkeit
Für Händler ist kaum etwas riskanter, als ein Produkt erfolgreich zu platzieren und dann nicht nachliefern zu können. Wenn Ware fehlt, ist nicht nur Umsatz weg, sondern auch Vertrauen. Gerade kleine Marken geraten hier schnell unter Druck, weil ein großer Auftrag die Lieferkette überlasten kann. Händler erwarten jedoch, dass Lieferzusagen eingehalten werden, Lieferzeiten klar sind und Ware möglichst dauerhaft verfügbar bleibt.
Zur Verlässlichkeit gehört auch gleichbleibende Qualität. Händler möchten nicht jede Charge neu bewerten müssen, weil sich Geschmack, Duft oder Optik spürbar verändert. Wer als neuer Anbieter professionell wirken will, braucht eine saubere Planung, realistische Lieferzeiten, transparente Kommunikation bei Engpässen und möglichst eine stabile Lager- oder Nachproduktionsstrategie. Fehler in diesem Bereich führen häufig dazu, dass man keine zweite Chance bekommt.
Preis- und Konditionenstabilität
Händler kalkulieren mit festen Margen, deshalb sind stabile Einkaufspreise ein zentrales Kriterium. Häufige Preiserhöhungen oder schwankende Angebote wirken unprofessionell, selbst wenn sie nachvollziehbar sind. Große Hersteller können Schwankungen am Rohstoffmarkt besser abfedern, kleine Marken haben diese Möglichkeiten oft nicht. Trotzdem sollten neue Anbieter fair, transparent und so planbar wie möglich kalkulieren.
Dazu gehört auch eine realistische Preisstrategie im Endkundenbereich. Wenn ein Produkt zu teuer ist und nicht läuft, war der Regalplatz verschwendet. Händler achten daher sehr genau darauf, ob Preis und Leistung zur eigenen Kundschaft passen. Eine starke Story hilft, aber sie ersetzt keine funktionierende Kalkulation und keinen plausiblen Abverkauf.
Differenzierung statt „noch eine Teemarke“
Am Ende steht für Händler immer dieselbe Frage: Warum genau diese Marke. Regalfläche ist knapp und jeder neue Artikel verdrängt entweder einen bestehenden oder muss zusätzlichen Platz rechtfertigen. Ohne klare Differenzierung bleibt man „noch eine Teemarke“, und davon gibt es im Markt mehr als genug.
Differenzierung kann unterschiedlich aussehen. Sie kann über Herkunft, Qualitätsnachweis, klare Positionierung, besondere Verarbeitung, konsequent natürliche Rezepturen oder ein Verpackungskonzept entstehen, das im Regal messbar besser funktioniert. Entscheidend ist, dass der Nutzen für den Händler klar wird. Es reicht nicht, „leckeren Früchtetee in schönem Design“ zu versprechen. Händler wollen verstehen, welche Lücke du schließt, welches Problem du löst oder welchen Vorteil du dem Sortiment bringst.
Persönliche Einordnung aus dem Aufbau eines eigenen Teeprojekts
Hinweis: In diesem Abschnitt spreche ich aus meinen eigenen Gründer-Erfahrungen auf dem Teemarkt.

Erwartung und Realität
Als ich mein eigenes Teeprojekt gestartet habe, war ich optimistisch. Wie viele am Anfang dachte ich, dass eine gute Idee und ein gutes Produkt schnell Anklang finden würden. Die Realität hat mich zügig eingeholt. Der Teemarkt ist deutlich härter, als er von außen wirkt. Ein Beispiel: Ich war überzeugt, dass hochwertige Mischungen sich über Mundpropaganda verbreiten, weil Freunde und Testkunden begeistert waren. Tatsächlich blieb der größere Effekt aus, denn außerhalb meines Umfelds kannte niemand die Marke. Jede einzelne Bestellung musste aktiv angeschoben werden, meist über Marketing, das deutlich mehr Zeit und Aufwand gekostet hat als erwartet.
Lernkurve in der Praxis
Ich hatte vorab recherchiert, Marktberichte gelesen, Konkurrenz analysiert und vieles sauber geplant. Trotzdem ließen sich zentrale Dinge erst in der Praxis verstehen. Logistik ist ein gutes Beispiel. Von Lieferverzögerungen bei Rohware bis hin zu Verpackungsproblemen zeigte sich schnell, wie viele Kleinigkeiten den Alltag bestimmen. Meine ersten Verpackungen wirkten in der Realität nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte, und genau solche Details haben im Regal oder beim Auspackmoment einen größeren Effekt, als man im Businessplan abbilden kann.
Auch die bürokratischen Anforderungen lernt man oft erst durch das Tun kennen. Zertifizierungen, Kontrollen, Dokumentationspflichten, Abstimmungen mit Dienstleistern, all das kostet Zeit und Geld. Die anfangs romantische Idee vom Tee-Business wird in Teilen zu einem administrativen Projekt. Das ist nicht schlimm, aber man sollte es vorher realistisch einordnen.
Wo Theorie und Praxis klaffen
Theorie klingt oft linear. Positioniere dich in einer Nische und deine Zielgruppe findet dich. In der Praxis ist Sichtbarkeit die eigentliche Hürde. Online bedeutet das: SEO dauert, Social Media erfordert Konsequenz, Werbung kostet Geld. Offline bedeutet es: Händlerkontakte entstehen selten von selbst, Akquise und Messen sind zeitintensiv.
Manche Maßnahmen, die auf dem Papier schlüssig wirken, können sich als ineffizient herausstellen, während ungeplante Aktionen überraschend gut funktionieren. Die wichtigste Lektion ist deshalb: Planung hilft, aber sie ersetzt nicht das Lernen im Markt. Die Realität liefert Überraschungen, positive wie negative.
Kein Erfolgsversprechen
Aus meiner Erfahrung ist wichtig, ehrlich zu bleiben. Es gibt keine Erfolgsgarantie, selbst wenn man vieles richtig macht. Ich habe Menschen kennengelernt, die mit Leidenschaft und klugen Konzepten gestartet sind, und trotzdem hat es wirtschaftlich nicht getragen. Viele Faktoren liegen außerhalb der eigenen Kontrolle.
Auch ich hatte Phasen, in denen ich überlegt habe aufzuhören, weil der Durchbruch ausblieb. Gerade im Teemarkt sind schnelle Erfolgsgeschichten selten. Was bleibt, ist die Lernkurve, das Verständnis für Marktmechanismen und im besten Fall die Liebe zum Produkt, die einen durch die Durststrecken trägt.
Für wen der Teemarkt aktuell Chancen bietet und für wen nicht
Chancen haben vor allem Konzepte, die entweder wirklich neu sind oder sehr klar und glaubwürdig in einer Nische stehen. Das kann Regionalität sein, eine starke Spezialisierung auf seltene Qualitäten, ein Farmbezug mit echter Transparenz oder ein innovatives Produktkonzept, das sich klar vom Standard abhebt. Auch neue Darreichungsformen oder Cold-Brew-Konzepte können funktionieren, wenn sie professionell umgesetzt und nicht nur als kurzfristiger Trend gespielt werden.
Wer bestehende Trends wie Bio oder Nachhaltigkeit nutzt, muss sie glaubwürdig untermauern. Der Markt ist bereits voll von ähnlichen Versprechen, deshalb reicht es nicht, die richtigen Begriffe zu verwenden. Ein echter Vorteil entsteht oft dann, wenn man Synergien mitbringt. Wer bereits eine Community hat, als Gastronom eine bestehende Kundschaft besitzt oder über Reichweite in einem passenden Umfeld startet, beginnt nicht bei null. Auch ausreichendes Startkapital ist ein Vorteil, weil es Durststrecken überbrücken kann und Marketing überhaupt erst möglich macht.
Wer lieber vorsichtig sein sollte
Schwierig wird es für alle, die Tee nur als austauschbares Handelsgut sehen. Im Standardsegment sind die etablierten Anbieter zu mächtig, die Margen zu knapp und die Differenzierung zu gering. Ebenso gefährlich ist die Erwartung schneller Gewinne. Tee ist kein Markt für kurzfristiges Wachstum und schnelle Erfolge. Konsumgewohnheiten ändern sich langsam, Markenvertrauen entsteht über Zeit.
Besonders riskant ist eine Strategie, die vor allem auf Unterbieten über den Preis setzt. Die Marge gibt das selten her und größere Wettbewerber können preislich jederzeit kontern. Leidenschaft ist wichtig, aber sie ersetzt kein tragfähiges Modell. Wer keine klare Besonderheit definieren kann oder ungeduldig ist, wird im Teemarkt oft enttäuscht.
Realistische Erwartungshaltung
Der deutsche Teemarkt wächst eher langsam und ist gut bedient. Neueinsteiger sollten deshalb realistisch planen. Schrittweise testen, lokal Erfahrungen sammeln, Feedback einholen und das Investment kontrolliert erhöhen ist meist sinnvoller als ein frühes All-in. Erfolgreiche neue Konzepte gibt es, aber sie entstehen häufig über Jahre, mit Anpassungsfähigkeit und mit konsequenter Arbeit an Sichtbarkeit.
Ein Satz trifft die Realität gut: Kunden finden dich nicht von selbst, du musst aktiv auf dich aufmerksam machen. Wer dieses Prinzip akzeptiert und bereit ist, stetig für Reichweite und Vertrauen zu arbeiten, hat eine Chance. Wer auf das Prinzip Hoffnung setzt, wird scheitern.
Perspektive: Nischen statt Massenmarkt
Zusammengefasst bietet der Teemarkt vor allem dort Chancen, wo die großen Player nicht alles abdecken oder bewusst nicht bedienen. Das können besondere Qualitätssegmente sein, ungewöhnliche Geschmacksprofile, personalisierte Angebote wie Abos oder individuelle Mischungen oder auch Services rund um Tee, etwa Workshops, Events und Beratung.
Der Massenmarkt, also das klassische Supermarktregal, ist dagegen mit sehr hohen Hürden verbunden. Gegen etablierte Marken und Handelsstrukturen anzutreten ist möglich, aber riskant und kapitalintensiv. Für viele ist es strategisch sinnvoller, gar nicht in diese Breite zu wollen, sondern klein und klar positioniert zu bleiben, etwa als lokaler Anbieter mit treuer Stammkundschaft.
Am Ende muss jedes Projekt ehrlich beantworten, ob das eigene Konzept Substanz hat und ob man bereit ist, es auch über längere Zeit zu tragen, selbst wenn der große kommerzielle Erfolg nicht schnell kommt. Genau dabei hilft eine nüchterne Markteinordnung.
